Selbstregulation ist erst der Anfang

Wenn aus Nervensystemarbeit das nächste Optimierungsprojekt wird

Das Nervensystem ist inzwischen fast überall.

Auf Instagram wird reguliert, in Podcasts über den Vagusnerv gesprochen und kaum ein Gespräch über Stress kommt noch ohne Begriffe wie Fight, Flight oder Freeze aus. Ich finde grundsätzlich gut, dass wir heute mehr darüber sprechen, was Belastung nicht nur mit unseren Gedanken, sondern auch mit unserem Körper macht.

Gleichzeitig beobachte ich etwas, das mich nachdenklich macht: Ausgerechnet Selbstregulation kann zum nächsten Bereich werden, in dem wir wieder versuchen, perfekt zu funktionieren.

Dann wird jede innere Unruhe zum Zeichen dafür, dass das Nervensystem „dysreguliert“ ist. Angst soll möglichst schnell weggeatmet werden, Anspannung sofort verschwinden und nach einer Übung sollte sich der Körper idealerweise wieder ruhig anfühlen.

Damit stellen wir an Regulation plötzlich dieselbe Forderung wie an so viele andere Bereiche unseres Lebens: Mach das unangenehme Gefühl bitte weg, damit ich wieder funktionieren kann.

Nur ist genau das nicht der Sinn von Selbstregulation.

Was Selbstregulation eigentlich bedeutet

Vereinfacht beschrieben meint Selbstregulation die Fähigkeit, innere Zustände wahrzunehmen und mit ihnen so umzugehen, dass flexibles Handeln möglich bleibt oder wieder möglich wird.

Das kann Gedanken und Gefühle betreffen, aber auch körperliche Aktivierung.

Menschen regulieren sich ständig, häufig ohne bewusst darüber nachzudenken. Bewegung kann regulierend wirken, ebenso soziale Nähe, Schlaf, Essen, Musik, Atmung oder ein Gespräch mit einem vertrauten Menschen. Welche Strategie hilfreich ist, hängt von der Person und der Situation ab.

Wichtig ist dabei: Regulation bedeutet nicht, immer ruhig zu sein.

Ein gesundes menschliches Leben braucht Aktivierung. Beim Sport steigt der Puls. Vor einer wichtigen Präsentation kann Aufregung entstehen. Wut mobilisiert Energie. Freude kann körperlich intensiv sein. Angst wiederum kann uns auf mögliche Gefahren aufmerksam machen.

Unser Nervensystem ist nicht dafür gemacht, dauerhaft in einem einzigen Zustand zu bleiben. Entscheidend ist vielmehr die Fähigkeit, auf unterschiedliche Anforderungen reagieren und anschließend wieder in andere Zustände wechseln zu können.

Ruhe ist nicht automatisch das Ziel

Vielleicht liegt genau hier eines der größten Missverständnisse rund um das Thema Nervensystem regulieren.

Ruhig wird schnell mit gesund gleichgesetzt.

Aktiviert mit dysreguliert.

Doch so einfach funktioniert unser Organismus nicht.

Nach einem Sprint soll der Körper aktiviert sein. Vor einem wichtigen Wettkampf wäre völlige Schläfrigkeit vermutlich wenig hilfreich. Wer sich verteidigen oder eine klare Grenze setzen muss, braucht möglicherweise sogar genau die Energie, die gerade vorhanden ist.

Das Problem ist also nicht jede Aktivierung.

Schwieriger wird es, wenn eine Reaktion sehr stark, sehr lang anhaltend oder für die aktuelle Situation wenig hilfreich ist und kaum Flexibilität besteht, wieder herauszufinden.

Genau dort können regulierende Fähigkeiten wertvoll werden.

Nicht, um einen Menschen möglichst schnell wieder „brav und ruhig“ zu machen, sondern damit wieder mehr Handlungsspielraum entsteht.

Manchmal braucht es Regulation, bevor Fühlen überhaupt möglich wird

Bei JaBali sprechen wir viel über Fühlen statt Funktionieren. Das könnte zunächst so klingen, als müssten unangenehme Gefühle einfach nur zugelassen werden.

Doch auch das wäre zu kurz gedacht.

Es gibt Situationen, in denen ein Gefühl so intensiv erlebt wird, dass bewusstes Wahrnehmen kaum noch möglich ist. Wer völlig überwältigt ist, braucht nicht unbedingt zuerst eine tiefere Analyse seiner Emotionen.

Manchmal braucht es zunächst Boden unter den Füßen.

Den Raum wahrnehmen. Atmen. Sich bewegen. Eine vertraute Stimme hören. Den eigenen Körper wieder spüren.

Selbstregulation kann helfen, genug Stabilität herzustellen, damit ein Mensch überhaupt bei seinem Erleben bleiben kann.

Das ist ein entscheidender Unterschied: Regulation soll Gefühle nicht zwangsläufig beseitigen. Sie kann einen Raum schaffen, in dem Gefühle erlebt werden können, ohne dass sie alles übernehmen.

Genau deshalb ist Selbstregulation so wertvoll.

Und genau deshalb ist sie erst der Anfang.

Wenn Regulation zur Vermeidung wird

Nehmen wir ein einfaches Beispiel.

Nach einem schwierigen Gespräch entsteht Unruhe. Der Brustkorb fühlt sich eng an, Gedanken kreisen und der Impuls ist groß, sofort irgendetwas dagegen zu tun.

Eine Atemübung kann in diesem Moment hilfreich sein. Vielleicht wird der Atem ruhiger, der Körper entspannt sich etwas und der Kopf wird klarer.

Doch danach bleibt eine Frage offen:

Was hat dieses Gespräch eigentlich ausgelöst?

Vielleicht wurde eine Grenze überschritten. Vielleicht entstand Angst vor Ablehnung. Vielleicht wurde ein alter Selbstzweifel berührt. Vielleicht war die Situation schlicht verletzend.

Wenn Regulation ausschließlich dafür benutzt wird, diese Reaktion möglichst schnell verschwinden zu lassen, kann sie paradoxerweise zu einer weiteren Form der Vermeidung werden.

Der Körper wird beruhigt, aber die Botschaft dahinter nie angeschaut.

Dann regulieren wir uns zurück ins Funktionieren.

Nicht jedes Gefühl muss sofort verändert werden

Das zeigt sich besonders deutlich bei unangenehmen Gefühlen.

Traurigkeit muss nicht automatisch herunterreguliert werden.

Wut muss nicht grundsätzlich verschwinden.

Aufregung vor etwas Neuem ist nicht zwangsläufig ein Zeichen dafür, dass etwas nicht stimmt.

Auch innere Unruhe kann eine verständliche Reaktion auf eine belastende Situation sein.

Natürlich gibt es Momente, in denen Emotionen überwältigend werden und Unterstützung wichtig ist. Bei starken oder anhaltenden psychischen Beschwerden gehört die Begleitung in professionelle Hände.

Im normalen Spektrum menschlicher Gefühle dürfen wir uns jedoch häufiger fragen, ob ein Zustand tatsächlich reguliert werden muss oder ob er gerade einfach gefühlt werden möchte.

Diese Unterscheidung verändert viel.

Denn sobald jedes unangenehme Gefühl als Problem betrachtet wird, entsteht schnell wieder ein alter Mechanismus: Das Gute darf bleiben, das Schwierige soll möglichst schnell weg.

Doch Verbindung entsteht nicht nur mit den angenehmen Seiten unseres Erlebens.

Der Körper ist mehr als ein Nervensystem, das beruhigt werden muss

Mich beschäftigt noch ein anderer Aspekt an der aktuellen Diskussion über Regulation.

Der Körper wird in manchen Bereichen der Persönlichkeitsentwicklung fast ausschließlich als etwas betrachtet, das beruhigt werden soll.

Dabei braucht ein Körper nicht nur Entspannung.

Er braucht auch Bewegung, Belastung, Kraft und die Erfahrung, etwas leisten zu können.

Sport kann fordern und gleichzeitig regulierend wirken. Krafttraining kann körperliche Leistungsfähigkeit und Selbstwirksamkeit unterstützen. Ein intensives Training bringt das Herz bewusst zum Schlagen, statt jeden erhöhten Puls als Problem zu interpretieren.

Das ist für mich ein wichtiger Teil von Verkörperung.

Der Körper darf ruhig werden.

Er darf aber auch kraftvoll, schnell, verschwitzt und aktiviert sein.

Gesundheit besteht nicht darin, möglichst wenig Aktivierung zu erleben, sondern darin, mit unterschiedlichen Zuständen umgehen zu können.

Genau diese Perspektive werden wir im Beitrag „Warum Bewegung genauso wichtig sein kann wie Meditation“ noch ausführlicher betrachten.

Selbstregulation und Stille gehören zusammen

Wie ungewohnt bestimmte Zustände sein können, zeigt sich besonders dann, wenn plötzlich Ruhe entsteht.

Manche Menschen sehnen sich den ganzen Tag danach, endlich abschalten zu können. Sobald nichts mehr zu tun ist, entsteht jedoch Unruhe.

Im Artikel „Warum wir Angst vor Stille haben.“ geht es genau um dieses Phänomen. Wenn äußere Ablenkung wegfällt, können Gedanken, Gefühle und Körperempfindungen deutlicher wahrnehmbar werden.

Selbstregulation kann in solchen Momenten helfen, nicht sofort wieder in die nächste Ablenkung zu flüchten.

Aber auch hier ist das Ziel nicht, Stille möglichst angenehm zu machen.

Vielleicht bleibt sie zunächst ungewohnt. Vielleicht taucht Traurigkeit auf oder Müdigkeit. Entscheidend ist, ob genug innere Stabilität vorhanden ist, um wahrnehmen zu können, was da ist.

Verstehen allein reicht ebenfalls nicht

Auf der anderen Seite können wir unser Nervensystem theoretisch hervorragend verstehen und trotzdem in alten Mustern landen.

Es ist hilfreich zu wissen, wie Stressreaktionen funktionieren. Aber Wissen allein verändert nicht automatisch eine körperliche Erfahrung.

Ein Mensch kann verstehen, dass ein bestimmtes Gespräch objektiv keine Gefahr darstellt, und trotzdem starke Anspannung erleben. Er kann wissen, dass eine Pause erlaubt ist, und sich beim Nichtstun trotzdem unruhig fühlen.

Neue Erfahrungen entstehen erst, wenn das Verstandene auch erlebt werden kann.

Deshalb gehören für mich Erkennen, Verstehen und Regulation zusammen. Und danach kommt etwas, das sich nicht vollständig kontrollieren lässt: Vertrauen.

Vertrauen entsteht durch Erfahrung.

Durch den Moment, in dem eine Grenze gesetzt wird und die Welt nicht zusammenbricht. Durch eine Pause, die ausgehalten wird. Durch ein Gefühl, das da sein darf und irgendwann wieder seine Form verändert.

Regulation schafft Wahlmöglichkeiten

Vielleicht lässt sich die Aufgabe von Selbstregulation am besten mit einem Wort beschreiben: Wahlfreiheit.

Wenn Stress sehr hoch ist, wird unser Denken häufig enger. Wir greifen eher auf bekannte Reaktionen zurück. Manche Menschen werden laut, andere ziehen sich zurück, wieder andere beginnen sofort zu kontrollieren oder noch mehr zu leisten.

Genau diese automatischen Strategien spielen auch bei unseren inneren Antreibern eine Rolle. Im Beitrag „Wenn ‚Streng dich an‘ nie wirklich leise wird“ geht es darum, warum alte innere Regeln besonders unter Druck wieder auftauchen können.

Regulation kann einen kleinen Abstand zwischen Reiz und automatischer Reaktion schaffen.

Vielleicht ist der alte Impuls noch da.

Aber er muss nicht zwangsläufig entscheiden.

Das ist für mich wesentlich interessanter als die Vorstellung eines Nervensystems, das irgendwann immer perfekt reguliert ist.

Nach der Regulation beginnt die eigentliche Frage

Eine Atemübung kann den Körper beruhigen.

Bewegung kann überschüssige Aktivierung verändern.

Ein Gespräch kann Sicherheit geben.

Orientierung im Raum kann helfen, wieder im Hier und Jetzt anzukommen.

Doch danach beginnt oft erst die spannendere Frage:

Was braucht es jetzt wirklich?

Vielleicht Ruhe.

Vielleicht ein klares Nein.

Vielleicht ein Gespräch.

Vielleicht Trauer.

Vielleicht Bewegung.

Vielleicht Unterstützung.

Oder vielleicht gar nichts, außer einen Moment lang dazubleiben.

Selbstregulation gibt darauf nicht automatisch die Antwort. Sie kann aber dabei helfen, wieder in einen Zustand zu kommen, in dem diese Antwort überhaupt wahrgenommen werden kann.

Fazit: Selbstregulation ist eine Tür, kein Ziel

Selbstregulation ist ein wichtiger Teil unserer Fähigkeit, mit Stress, Emotionen und körperlicher Aktivierung umzugehen. Sie kann Stabilität schaffen, Überforderung reduzieren und wieder mehr Handlungsspielraum ermöglichen.

Aber sie ist kein Endpunkt.

Das Ziel kann nicht sein, nie wieder Angst, Wut, Stress oder innere Unruhe zu erleben. Ein lebendiger Mensch bewegt sich zwischen unterschiedlichen Zuständen.

Entscheidend ist, ob diese Zustände erlebt werden können, ohne ihnen vollständig ausgeliefert zu sein und ohne alles Unangenehme sofort beseitigen zu müssen.

Vielleicht beginnt genau dort die tiefere Arbeit.

Regulation schafft Raum.

In diesem Raum können wir erkennen, was gerade passiert, fühlen, was tatsächlich da ist, und langsam neue Erfahrungen machen.

Fühlen statt Funktionieren bedeutet deshalb nicht, Regulation überflüssig zu machen.

Es bedeutet, sie nicht mit Heilung zu verwechseln.

Sie kann uns zurück in die Verbindung bringen.

Was wir dort entdecken und wie wir damit weitergehen, beginnt oft erst danach.

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