„Das wird richtig schlecht“
Vor einem Hyrox-Wettkampf hörte ich einer Frau zu, die über ihre bevorstehende Leistung sprach.
„Das wird richtig schlecht.“
„Das kann ich nicht.“
„Ich bin nicht gut genug dafür.“
Es waren Sätze, die zunächst nach klassischen Selbstzweifeln klangen. Nach einem Mindset, das dringend positiver werden müsste.
Doch später erklärte sie, warum sie so sprach.
Sie mache das bewusst. Wenn sie vorher sage, dass sie wahrscheinlich nicht besonders gut sein werde, erwarteten die anderen weniger von ihr. Und sie selbst könne ebenfalls nicht so enttäuscht werden.
Dieser Satz blieb bei mir hängen.
Denn plötzlich ging es nicht mehr um positives oder negatives Denken.
Es ging um Schutz.
Wenn Selbstzweifel eine Funktion erfüllen
Es ist leicht, einen Menschen, der sich ständig unterschätzt, von außen aufbauen zu wollen.
„Glaub mehr an dich.“
„Du kannst das.“
„Denk positiv.“
Gut gemeint. Manchmal sogar hilfreich. Aber solche Sätze greifen zu kurz, wenn das Kleinmachen eine bestimmte Aufgabe erfüllt.
Wer vorab erklärt, wahrscheinlich zu scheitern, schafft sich einen emotionalen Sicherheitsabstand.
Wenn es tatsächlich schlecht läuft, war es schließlich angekündigt.
Wenn es gut läuft, ist die Überraschung umso größer.
Die verletzlichste Möglichkeit wird damit zumindest scheinbar kleiner: voller Hoffnung anzutreten, sich sichtbar zu machen und anschließend festzustellen, dass es vielleicht nicht reicht.
Das klingt paradox. Psychologisch ist die Logik dahinter jedoch nachvollziehbar.
Sich selbst klein machen kann den Selbstwert schützen
In der Psychologie gibt es verschiedene Konzepte, die helfen können, solche Verhaltensweisen zu verstehen. Eines davon ist Self-Handicapping.
Damit werden Strategien beschrieben, durch die mögliche Erklärungen oder Hindernisse für eine bevorstehende Leistung geschaffen werden. Das kann ganz unterschiedlich aussehen. In manchen Fällen wird beispielsweise mangelnde Vorbereitung vorgeschoben oder die eigene Leistungsfähigkeit bereits im Vorfeld heruntergespielt.
Nicht jede selbstkritische Aussage ist deshalb automatisch Self-Handicapping. Der Begriff hilft aber, einen wichtigen Mechanismus zu verstehen.
Scheitert ein Mensch nach der Aussage „Ich kann das sowieso nicht“, kann das Ergebnis leichter von der eigenen Identität getrennt werden.
Dann lautet die innere Geschichte nicht unbedingt:
„Ich habe alles gegeben und war trotzdem nicht gut genug.“
Sondern eher:
„Ich wusste ja, dass das nichts wird.“
Das kann kurzfristig weniger weh tun.
Der Preis dafür kann allerdings hoch sein. Wer Erwartungen dauerhaft senkt, schützt sich möglicherweise nicht nur vor Enttäuschung, sondern auch vor der Erfahrung der eigenen Fähigkeiten.
Warum Bewertung so viel auslösen kann
Menschen sind soziale Wesen. Zugehörigkeit und die Wahrnehmung durch andere spielen für unser Verhalten eine wichtige Rolle.
Bewertung ist deshalb nicht immer nur eine sachliche Information über eine Leistung.
Eine Prüfung kann sich wie eine Bewertung der eigenen Intelligenz anfühlen. Ein sportlicher Wettkampf wie ein Urteil über Disziplin oder Leistungsfähigkeit. Ein abgelehntes Projekt wie eine Aussage über den eigenen Wert.
Natürlich sind diese Dinge nicht dasselbe.
Ein Ergebnis beschreibt zunächst ein Ergebnis.
Doch emotional kann daraus schnell etwas Größeres werden.
Besonders wenn Anerkennung stark mit Leistung verbunden wird, kann sich die Grenze zwischen „Etwas ist mir nicht gelungen“ und „Ich bin nicht gut genug“ verwischen.
Menschen lernen auf sehr unterschiedliche Weise, wofür sie Anerkennung erhalten, wann sie dazugehören und wann sie sich sicher fühlen. Es wäre deshalb zu einfach, Selbstzweifel immer auf eine bestimmte Kindheitserfahrung zurückzuführen.
Wer sich selbst klein macht, versucht manchmal dennoch, Bewertung vorwegzunehmen.
Wenn das eigene Urteil bereits hart genug ist, kann das Urteil der anderen weniger überraschen.
„Ich bin nicht gut genug“ ist keine neutrale Beschreibung
Dieser Satz klingt wie eine Feststellung.
Tatsächlich fehlt ihm fast immer eine entscheidende Information.
Nicht gut genug wofür?
Für diesen Wettkampf? Für diesen Job? Für diese Beziehung? Nach welchem Maßstab? Im Vergleich zu wem?
Aus einer konkreten Unsicherheit wird schnell eine globale Aussage über die eigene Person.
Aus „Ich habe Angst, bei diesem Wettkampf schlechter abzuschneiden als erhofft“ wird „Ich kann das nicht“.
Aus „Ich weiß nicht, wie mein Projekt ankommt“ wird „Meine Idee ist wahrscheinlich nicht gut“.
Aus „Dieser Mensch könnte mich ablehnen“ wird „Ich bin nicht interessant genug“.
Die zweite Version wirkt eindeutiger. Die erste ist oft näher an dem, was tatsächlich passiert.
Denn unter Selbstabwertung kann ein wesentlich verletzlicheres Gefühl liegen: Angst.
Wenn der Kopf schon weiß, wie es ausgehen wird
Selbstzweifel haben außerdem eine interessante Verbindung zu den Geschichten, die im Kopf entstehen.
Noch bevor das Rennen begonnen hat, existiert dort möglicherweise bereits die Niederlage. Noch bevor jemand auf eine Idee reagiert hat, steht die Ablehnung scheinbar fest. Noch bevor ein Gespräch stattgefunden hat, wurde entschieden, wie die andere Person reagieren wird.
Damit wird eine mögliche Zukunft innerlich behandelt, als wäre sie bereits Realität.
Im Artikel „Warum wir oft unter Geschichten leiden und nicht unter der Realität“ geht es genau um diesen Mechanismus: Der Kopf versucht offene Situationen zu schließen, obwohl entscheidende Informationen noch fehlen.
Beim Sich-selbst-klein-Machen kommt etwas hinzu. Die negative Geschichte kann Schutz bieten. Wer ohnehin nichts erwartet, hofft, weniger enttäuscht werden zu können.
Was der Körper mit Selbstzweifeln zu tun hat
Bewertung findet nicht nur im Kopf statt.
Eine Situation, in der viel auf dem Spiel steht, kann körperliche Aktivierung auslösen: schnellerer Herzschlag, Anspannung, veränderte Atmung, Nervosität oder Unruhe.
Das ist vor einem Wettkampf, einem wichtigen Gespräch oder einer Präsentation zunächst nichts Ungewöhnliches.
Schwierig wird es, wenn diese Aktivierung sofort als Beweis interpretiert wird, nicht bereit zu sein.
„Ich bin nervös“ wird dann zu „Ich kann das nicht“.
Dabei kann Nervosität schlicht bedeuten, dass etwas wichtig ist und der Körper sich auf eine Herausforderung vorbereitet.
Nicht jede Aktivierung muss reguliert werden, bis völlige Ruhe herrscht. Manchmal besteht die Aufgabe darin, sie wahrzunehmen und trotzdem handlungsfähig zu bleiben.
Genau hier liegt für mich ein wichtiger Unterschied.
In meinem Buch habe ich dafür einen Satz gefunden, der mich bis heute begleitet:
„Mut bedeutet nicht, keine Angst zu haben. Mut bedeutet, mit der Angst zu sitzen, ohne vor ihr wegzulaufen.“
Vielleicht gilt das auch für Selbstzweifel.
Sie müssen nicht immer verschwinden, bevor etwas gewagt werden darf.
Wenn positives Denken zum nächsten Leistungsdruck wird
In der Persönlichkeitsentwicklung entsteht schnell der Eindruck, erfolgreiche Menschen müssten jederzeit an sich glauben.
Das klingt motivierend, kann aber einen neuen Druck erzeugen.
Dann darf neben der Angst vor dem Wettkampf plötzlich auch der Selbstzweifel nicht mehr da sein.
Doch Menschen können gleichzeitig zweifeln und mutig sein.
Sie können Angst haben und trotzdem antreten. Sie können unsicher sein und sich trotzdem zeigen.
Das Ziel muss deshalb nicht darin bestehen, jeden Gedanken wie „Ich schaffe das nicht“ sofort durch eine positive Affirmation zu ersetzen.
Interessanter kann die Frage sein, was dieser Gedanke gerade versucht.
Soll er Erwartungen reduzieren? Soll er verhindern, dass Hoffnung entsteht? Soll er eine mögliche Enttäuschung bereits vorwegnehmen?
Selbsterkenntnis beginnt dort, wo das Muster nicht sofort korrigiert werden muss, sondern zunächst sichtbar werden darf.
Was passiert, wenn die Schutzstrategie zur Identität wird?
Sich selbst klein zu machen kann kurzfristig Sicherheit geben. Langfristig beeinflusst es jedoch, wie ein Mensch sich selbst erlebt.
Wer ständig ankündigt, etwas wahrscheinlich nicht zu können, hört diese Geschichte schließlich selbst immer wieder.
Und möglicherweise richtet sich irgendwann auch das eigene Verhalten danach.
Chancen werden nicht ergriffen. Leistungen werden relativiert. Komplimente werden abgewehrt. Erfolge werden dem Zufall zugeschrieben.
So kann aus einer Schutzstrategie langsam eine vertraute Geschichte über die eigene Person werden.
Die Alternative besteht nicht darin, sich plötzlich für unbesiegbar zu halten.
Vielleicht reicht zunächst ein sachlicherer Satz:
„Ich weiß nicht, wie es laufen wird.“
Oder:
„Ich habe Angst, dass es nicht reicht, und ich möchte es trotzdem versuchen.“
Darin steckt weniger Absicherung und mehr Ehrlichkeit.
Sich zeigen, ohne das Ergebnis zu kennen
Die tiefere Herausforderung liegt häufig nicht darin, vollkommen selbstbewusst zu werden.
Sie liegt darin, sichtbar zu werden, ohne das Urteil vorwegzunehmen.
Eine Leistung abzugeben, ohne sie vorher abzuwerten.
Ein Foto zu zeigen, ohne den eigenen Körper zuerst zu kritisieren.
Eine Idee auszusprechen, ohne sie mit „Ist wahrscheinlich Quatsch“ einzuleiten.
Ein Kompliment anzunehmen, ohne sofort zu erklären, warum es eigentlich nicht verdient ist.
Das sind kleine Situationen. Aber genau in solchen Situationen zeigt sich, wie selbstverständlich ein Mensch sich selbst Raum gibt.
Vielleicht entsteht Selbstwert nicht dadurch, immer von der eigenen Großartigkeit überzeugt zu sein.
Vielleicht zeigt er sich auch in der Fähigkeit, sich nicht vorsorglich kleiner zu machen, nur damit eine mögliche Enttäuschung weniger wehtut.
Auch gute Momente müssen erlebt werden dürfen
Wer Enttäuschung vorsorglich klein halten möchte, kann unbemerkt auch die andere Seite begrenzen.
Stolz. Vorfreude. Begeisterung. Hoffnung.
Wer vor einem Wettkampf sagt, dass es ohnehin schlecht laufen wird, schützt sich vielleicht vor einem schlechten Ergebnis. Gleichzeitig wird es schwieriger, sich vorher ehrlich auf das zu freuen, was möglich sein könnte.
Das erinnert an einen anderen Mechanismus, über den es bei JaBali bereits einen Beitrag gibt: „Warum wir schöne Momente festhalten wollen und sie dadurch manchmal verpassen“.
Beide Muster wirken zunächst unterschiedlich. Im Kern berühren sie jedoch dieselbe Schwierigkeit: Ein Gefühl vollständig zuzulassen, obwohl nicht kontrolliert werden kann, wie lange es bleibt und was danach kommt.
Auch Hoffnung macht verletzlich.
Auch Begeisterung macht verletzlich.
Auch der Satz „Das ist mir wichtig“ macht verletzlich.
Vielleicht ist genau deshalb die Bereitschaft, etwas wirklich zu wollen, eine Form von Mut.
Fazit: Selbstzweifel sind nicht immer die Wahrheit
Wer sich selbst klein macht, braucht nicht automatisch mehr Motivation oder ein besseres Mindset.
Manchmal lohnt sich zunächst ein anderer Blick.
Was, wenn die Selbstabwertung eine Schutzstrategie ist?
Was, wenn sie Erwartungen reduzieren und Enttäuschung kontrollierbarer machen soll?
Dann beginnt Veränderung nicht damit, den nächsten positiven Satz über sich selbst zu lernen. Sie beginnt mit dem Erkennen dessen, wovor das Kleinmachen eigentlich schützt.
Ein Mensch muss nicht angstfrei sein, um sich zu zeigen.
Vielleicht reicht für den Anfang die Bereitschaft, sich selbst nicht mehr vorab aus dem Rennen zu nehmen.
Reflexionsfrage: In welchen Situationen werden die eigenen Fähigkeiten schon im Voraus heruntergespielt und was wäre daran so verletzlich, offen zuzugeben: „Ich wünsche mir wirklich, dass das gut wird“?
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