Wenn der Kopf längst verstanden hat, aber das Leben sich trotzdem nicht verändert

Der Baum, bei dem ich nur eine Hälfte haben wollte

In einer Therapie sollte ich einmal einen Baum malen, der mein Leben beziehungsweise mich darstellen sollte.

Dieser Baum hatte zwei vollkommen unterschiedliche Seiten.

Eine Seite war dunkel und schwarz. Sie hatte kaum Wurzeln und sah nicht besonders schön aus. Die andere Seite war lebendig. Dort waren Schmetterlinge und Herzchen. Sie fühlte sich leicht an und viel mehr nach der Larissa, die ich sein wollte.

Natürlich wusste ich sofort, welche Seite ich bevorzugte.

Ich wollte wissen, wie ich möglichst schnell von der dunklen auf die helle Seite komme. Was muss ich tun? Was muss ich verändern? Wie komme ich dahin?

Heute sehe ich darin ziemlich genau mein damaliges Problem.

Ich wollte mich verändern, ohne mich vollständig anzunehmen.

Ich wollte die angenehmen Seiten entwickeln und die unangenehmen möglichst hinter mir lassen. Dabei war die dunkle Seite genauso Teil meiner Geschichte. Ich wollte meine 100 Prozent noch gar nicht wirklich kennenlernen. Ich wollte einen Teil davon lieber überwinden.

Heute glaube ich, dass genau dort ein entscheidender Unterschied liegt. Persönliche Entwicklung bedeutet für mich nicht mehr, möglichst schnell von einer vermeintlich schlechten Version meiner selbst zu einer besseren zu kommen. Sie bedeutet auch, die Seiten wahrnehmen zu können, die unbequem sind, die nicht zum gewünschten Selbstbild passen und die vielleicht lange keinen Platz bekommen haben.

 

Wir sind häufig schneller an der Lösung als beim Gefühl

Persönlichkeitsentwicklung kann sehr subtil zum nächsten Funktionieren werden.

Ein unangenehmes Gefühl taucht auf und sofort beginnt die Suche: Welcher Glaubenssatz steckt dahinter? Welche Atemtechnik hilft? Welches Buch sollte gelesen werden? Welche Meditation passt? Welches Retreat könnte das lösen?

Der Wunsch nach einer Lösung ist verständlich. Nur kann die Suche danach selbst eine Form des Weggehens werden.

Denn bevor etwas losgelassen werden kann, muss manchmal überhaupt wahrgenommen werden, was da ist.

Trauer darf traurig sein. Wut darf unangenehm sein. Ohnmacht darf sich beschissen anfühlen. Angst muss nicht innerhalb von fünf Minuten in Vertrauen transformiert werden.

Ich vergleiche das gerne mit einem Buch. Nur weil ein Bestseller gelesen und verstanden wurde, bedeutet das noch lange nicht, anschließend selbst einen schreiben zu können.

Theorie und gelebte Erfahrung sind zwei unterschiedliche Dinge.

Das gilt für persönliche Entwicklung genauso.

 

Verstand, Gefühl und eine dritte Ebene

Ich denke für mich inzwischen gerne in drei Zugängen.

Der erste ist der Verstand. Ich möchte verstehen, was mit mir passiert. Psychologisches Wissen, Reflexion und Erkenntnis haben für mich einen wichtigen Platz.

Dann gibt es die emotionale und körperliche Ebene. Hier reicht die Erklärung nicht mehr. Gefühle müssen erlebt werden dürfen. Der Körper wird einbezogen. Es geht nicht darum, Emotionen künstlich zu verstärken, sondern die Fähigkeit zu entwickeln, auch bei unangenehmem Erleben in Verbindung mit sich zu bleiben.

Und dann gibt es für mich persönlich noch eine seelische oder spirituelle Ebene. Dazu gehören beispielsweise Rituale, Zeremonien und schamanische Arbeit.

Mir ist die Unterscheidung wichtig: Diese Ebene beschreibe ich aus meiner persönlichen und spirituellen Erfahrung. Sie ist nicht dasselbe wie eine wissenschaftlich belegte psychologische Methode. Trotzdem gehört sie zu meinem Weg.

Irgendwann kam bei mir nämlich die Frage auf, ob ich mit meinem Verstand nicht längst unglaublich viel verstanden und auch auf körperlicher Ebene bereits viel gearbeitet hatte – und ob es trotzdem noch einen Zugang gab, der mir fehlte.

Für mich wurde die spirituelle und seelische Arbeit zu einer weiteren Tür.

JaBali bedeutet deshalb für mich nicht, sich zwischen Wissenschaft und Spiritualität entscheiden zu müssen. Es bedeutet, sauber zu unterscheiden, welche Sprache gerade gesprochen wird und auf welcher Ebene eine Erfahrung stattfindet.

 

Woran erkennt man echte Veränderung?

Diese Frage finde ich viel spannender als die Frage, wie viel ein Mensch bereits über sich weiß.

Echte Veränderung zeigt sich für mich irgendwann im Leben.

Eine Grenze wird ausgesprochen, über die früher drei Wochen nachgedacht worden wäre. Nähe wird zugelassen, obwohl früher sofort Rückzug entstanden wäre. Ein Fehler passiert und der innere Zusammenbruch bleibt aus. Ein freier Nachmittag muss nicht mehr verdient werden.

Ein Mensch reagiert anders, ohne vorher zehn Minuten lang seine Glaubenssätze durchzugehen.

Genau solche Veränderungen erlebe ich auch in meiner Arbeit. Manchmal bemerken Frauen zunächst selbst gar nicht, wie viel sich bereits verändert hat. Erst das Umfeld spiegelt, dass sie anders reagieren, weicher geworden sind oder in Situationen ruhig bleiben, die sie früher völlig aus der Bahn geworfen hätten.

Das finde ich faszinierend.

Denn Veränderung muss sich nicht immer wie ein großer Durchbruch anfühlen.

Manchmal erkennt man sie daran, dass eine Situation, die früher ein riesiges Thema gewesen wäre, plötzlich einfach nur eine Situation ist.

 

Wir müssen nicht fertig sein, um zu leben

Vielleicht war das eine meiner wichtigsten Erkenntnisse aus all den Jahren persönlicher Entwicklung.

Wir müssen nicht vollständig geheilt sein, um unser Leben zu leben.

Wir dürfen hinschauen, wenn etwas weh tut. Wir dürfen Unterstützung annehmen. Wir dürfen tief gehen. Und natürlich dürfen wir uns weiterentwickeln.

Aber das Leben darf währenddessen bereits stattfinden.

Auch meine Motivation für persönliche Entwicklung hat sich über die Jahre verändert. Früher wollte ich mich an vielen Stellen fixen. Ich wollte besser werden, erfolgreicher werden und endlich bestimmte Seiten von mir hinter mir lassen.

Heute interessiert mich etwas anderes viel mehr.

Ich möchte mein Leben wahrnehmen.

Ich möchte seine unterschiedlichen Facetten fühlen können. Ich möchte nicht mein gesamtes Leben damit verbringen, an mir zu arbeiten, damit irgendwann die vermeintlich perfekte Version von Larissa übrig bleibt.

Für mich liegt genau darin der Unterschied zwischen Selbstoptimierung und Selbsterkenntnis.

Die eine fragt ständig: Was muss noch besser werden?

Die andere kann irgendwann fragen: Was ist gerade wirklich da?

Und dann beginnt vielleicht genau das, worum es bei Fühlen statt Funktionieren geht.

Nicht weniger verstehen.

Sondern das Verstandene irgendwann leben.

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