Es gab einen Sommer in meinem Leben, den ich im Rückblick fast verpasst habe.
Ich war da. Ich habe gearbeitet, Dinge erledigt, Menschen getroffen und vermutlich auch schöne Tage erlebt.
Trotzdem fühlte es sich später an, als hätte dieser Sommer kaum stattgefunden.
Lange dachte ich, das Problem sei mein voller Kalender gewesen. Heute sehe ich das anders.
Mir fehlte nicht nur Zeit. Mir fehlte Präsenz.
Dieses Gefühl kennen erstaunlich viele Menschen. Gerade war noch Januar, plötzlich steht der Sommer vor der Tür. Die Wochen werden zu Monaten und irgendwann fällt der Satz: „Wo ist eigentlich die Zeit geblieben?“
Die Uhr liefert darauf keine Antwort. Jeder Tag hatte dieselben 24 Stunden.
Unser Erleben von Zeit funktioniert anders.
Warum Zeit objektiv gleich und subjektiv völlig unterschiedlich ist
Eine Minute ist messbar immer eine Minute. Innerlich kann sie sich trotzdem endlos oder erschreckend kurz anfühlen.
Wer schon einmal auf eine wichtige Nachricht gewartet hat, kennt das genauso wie jemand, der einen wunderschönen Abend erlebt hat und plötzlich feststellt, dass vier Stunden vergangen sind.
Zeitwahrnehmung hängt unter anderem davon ab, worauf unsere Aufmerksamkeit gerichtet ist, wie viele neue Eindrücke wir verarbeiten und welche Erinnerungen später von einer Zeitspanne übrig bleiben.
Genau hier wird unser moderner Alltag interessant.
Viele Tage sind voll, aber gleichzeitig erstaunlich ähnlich.
Aufstehen. Handy. Arbeit. Nachrichten. Einkaufen. Organisieren. Abend. Schlafen.
Das Gehirn muss nicht jeden bekannten Ablauf mit derselben Aufmerksamkeit verarbeiten wie etwas Neues. Routinen sind effizient. Sie ermöglichen es uns, vieles zu erledigen, ohne jede Handlung bewusst steuern zu müssen.
Das ist praktisch.
Für unser Lebensgefühl hat dieser Autopilot jedoch einen Preis.
Funktionieren kann ganze Wochen verschlucken
Autopilot ist nicht grundsätzlich schlecht.
Beim Autofahren wäre es anstrengend, jede Bewegung so bewusst auszuführen wie in der ersten Fahrstunde. Auch im Haushalt oder bei vertrauten Aufgaben hilft Routine.
Problematisch wird es, wenn der Autopilot nicht mehr einzelne Tätigkeiten übernimmt, sondern große Teile des Lebens.
Dann wird morgens beim Kaffee bereits über den Termin am Mittag nachgedacht. Beim Mittagessen läuft innerlich die Aufgabenliste für den Nachmittag. Während eines Gesprächs liegt das Handy daneben und ein Teil der Aufmerksamkeit wartet auf die nächste Nachricht.
Der Körper befindet sich an einem Ort, während die Aufmerksamkeit längst woanders ist.
So können Tage sehr voll sein und trotzdem wenig Spuren hinterlassen.
Genau deshalb passt das Thema für mich so sehr zu Fühlen statt Funktionieren.
Funktionieren organisiert Zeit.
Fühlen lässt sie erleben.
Warum sich ein ereignisreicher Urlaub rückblickend länger anfühlen kann
Ein interessantes Phänomen zeigt sich häufig auf Reisen.
Die ersten Tage an einem neuen Ort fühlen sich manchmal überraschend lang an. Neue Straßen, Gerüche, Geräusche, Menschen und Abläufe verlangen Aufmerksamkeit.
Es entstehen viele unterscheidbare Erinnerungen.
Ein gewöhnlicher Dienstag zu Hause hat es dagegen schwerer, aus den anderen Dienstagen herauszustechen.
Im Rückblick kann deshalb eine Woche voller neuer Erfahrungen erstaunlich groß wirken, während mehrere Monate Routine wie ein einziger Block erscheinen.
Das bedeutet nicht, dass jeden Tag ein Abenteuer stattfinden muss.
Es bedeutet, dass Aufmerksamkeit Erinnerungen Tiefe gibt.
Vielleicht brauchen wir deshalb nicht immer mehr Zeit. Manchmal brauchen wir mehr Anwesenheit in der Zeit, die längst da ist.
Stress macht Präsenz schwieriger
Dazu kommt ein weiterer Faktor: Dauerstress.
Wenn das Nervensystem stark beansprucht ist, richtet sich Aufmerksamkeit bevorzugt auf das, was erledigt, gelöst oder überwacht werden muss.
Das ist nachvollziehbar.
Wer innerlich ständig beim nächsten Problem ist, hat weniger Kapazität für das warme Licht auf dem Balkon, den Geschmack des Essens oder den Gesichtsausdruck eines Menschen am Tisch.
Genau diese kleinen Informationen machen einen Moment jedoch lebendig.
Viele Frauen, die lange funktioniert haben, bemerken irgendwann, dass sie zwar unglaublich viel geschafft haben, aber kaum sagen können, wie sich diese Jahre eigentlich angefühlt haben.
Das ist für mich einer der stillsten Preise des Funktionierens.
Nicht nur Erschöpfung.
Abwesenheit vom eigenen Leben.
Mehr Präsenz beginnt im Körper
Wer das bemerkt, landet schnell bei der nächsten Aufgabe: „Dann muss ich eben achtsamer sein.“
Damit wird aus Präsenz sofort wieder Leistung.
Ich glaube nicht, dass das hilft.
Präsenz lässt sich schwer erzwingen, wenn der Körper innerlich auf Tempo läuft.
Deshalb beginnt der Weg zurück für mich häufig viel kleiner.
Einmal bewusst ausatmen, bevor das Handy entsperrt wird. Beim Essen für einige Minuten nichts nebenbei tun. Beim Spaziergang wahrnehmen, wie sich der Boden unter den Füßen anfühlt. In einem Gespräch wirklich zuhören, ohne innerlich bereits die Antwort vorzubereiten.
Diese Momente wirken unspektakulär.
Genau darin liegt ihre Kraft.
Das Nervensystem bekommt die Information, dass gerade nichts anderes wichtiger ist als dieser Augenblick.
Lebensfreude braucht keine spektakulären Tage
Vielleicht haben wir Lebensfreude zu lange mit besonderen Ereignissen verwechselt.
Urlaub. Hochzeit. Beförderung. Reise. Geburtstag. Ein großes Ziel.
Natürlich können solche Momente wunderschön sein.
Ein Leben besteht jedoch hauptsächlich aus den Tagen dazwischen.
Aus Frühstück.
Sonne im Gesicht.
Einem Anruf.
Einem Spaziergang.
Einem Abend, an dem jemand am Tisch so lachen muss, dass alle anderen mitlachen.
Wenn wir nur auf die großen Ereignisse warten, warten wir einen beträchtlichen Teil unseres Lebens.
Präsenz macht einen gewöhnlichen Dienstag nicht spektakulär.
Sie macht ihn bemerkbar.
Selbsterkenntnis verändert unser Zeitgefühl nicht, aber unseren Umgang damit
Die wichtigste Frage lautet deshalb für mich nicht: Wie bekomme ich mehr Zeit?
Viel spannender ist die Frage, wo ich während meiner eigenen Zeit eigentlich bin.
Bin ich beim Leben oder ständig schon beim nächsten Punkt?
Genau hier beginnt wieder der Spiegel.
Vielleicht zeigt sich, dass ein voller Kalender gar nicht das größte Problem ist. Vielleicht wird sichtbar, dass Ruhe unangenehm geworden ist. Vielleicht fällt auf, wie oft das Handy jede kleine Lücke füllt. Vielleicht zeigt sich auch, dass der Körper so lange auf Leistung eingestellt war, dass Nichtstun sich zunächst gar nicht gut anfühlt.
Dann braucht es keinen weiteren Produktivitätstrick.
Es braucht Verbindung.
Erkennen, was geschieht. Verstehen, was dahinterliegt. Den Körper immer wieder aus dem Tempo holen. Vertrauen lernen, dass nicht jede freie Minute gefüllt werden muss.
Und irgendwann entsteht daraus etwas, das sich kaum planen lässt: mehr erlebtes Leben.
Fazit: Vielleicht brauchen wir nicht mehr Zeit, sondern mehr von uns in unserer Zeit
Das Jahr läuft nicht plötzlich schneller.
Unser Leben kann sich trotzdem so anfühlen.
Wenn viele Tage im Autopilot verschwimmen, wenn Gedanken ständig in der Zukunft sind und wenn der Körper nur noch von Aufgabe zu Aufgabe läuft, fehlen später die inneren Anker, an denen Erinnerung hängen bleibt.
Die Antwort darauf ist kein perfekt achtsames Leben.
Sie ist viel menschlicher.
Öfter zurückkommen.
Zum Körper.
Zum Gespräch.
Zum Essen.
Zur Sonne.
Zum eigenen Leben.
Zeit lässt sich nicht festhalten. Aber wir können wieder lernen, anwesend zu sein, während sie vergeht.
Reflexionsfrage:
Welcher Moment der vergangenen sieben Tage ist wirklich im Gedächtnis geblieben, weil er nicht nur passiert, sondern bewusst erlebt wurde?
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