Ich wollte die erste Folge am liebsten überspringen
Vor einem Jahr habe ich etwas angefangen, auf das ich heute mit 58 Folgen zurückblicken kann.
Und beinahe hätte es diese 58 Folgen nicht gegeben.
Nicht, weil mir die Idee nicht gefallen hätte. Nicht, weil die Zeit fehlte. Und auch nicht, weil ich grundsätzlich Angst davor hatte, meine Gedanken öffentlich zu teilen.
Mein Problem war viel banaler:
Ich wusste, dass ich am Anfang nicht besonders gut darin sein würde.
Ich hatte selbst unzählige Podcasts gehört. Ich wusste, wie Menschen klingen können, die seit Jahren vor einem Mikrofon sitzen. Wie selbstverständlich Gespräche fließen können. Wie leicht gute Fragen wirken, wenn niemand mehr sieht, wie viele mittelmäßige Fragen davor gestellt wurden.
Und genau diesen Teil wollte ich überspringen.
Ich wollte nicht die Larissa sein, die abliest, unsicher ist, Dinge dreimal erklärt oder noch nicht genau weiß, wann ein Gedanke einfach stehen bleiben darf.
Dabei war ich zu diesem Zeitpunkt längst keine berufliche Anfängerin mehr. Ich arbeitete seit Jahren als Mentorin. Ich konnte sprechen, Menschen begleiten und Inhalte vermitteln.
Nur konnte ich eben noch keinen Podcast.
Das war neu.
Und plötzlich war ich wieder Anfängerin.
Als Kinder ist Anfänger sein vollkommen normal
Vielleicht ist genau das eine der merkwürdigsten Veränderungen des Erwachsenwerdens.
Ein kleines Kind versucht aufzustehen und fällt wieder hin.
Niemand sagt: Offensichtlich fehlt das Talent zum Laufen.
Ein Kind malt einen Menschen mit einem riesigen Kopf und vier Strichen als Beine. Niemand erwartet anatomische Präzision.
Beim Sprechen werden Wörter erfunden, Laute vertauscht und Grammatikregeln kreativ ignoriert.
Lernen besteht am Anfang aus Versuchen.
Das Interessante daran ist: Kinder erleben diese Versuche noch nicht zwangsläufig als Beweis dafür, wer sie sind. Ein misslungener Versuch bedeutet zunächst nur, dass etwas noch nicht funktioniert hat.
Später verändert sich das häufig.
Dann wird aus:
„Das kann ich noch nicht.“
sehr schnell:
„Ich kann das nicht.“
Ein kleines Wort verschwindet.
Und mit diesem noch verschwindet manchmal auch die Erlaubnis, etwas lernen zu dürfen.
Warum Fehler plötzlich etwas über uns aussagen
Psychologisch ist die Angst vor Fehlern kein ungewöhnliches Phänomen.
Menschen sind soziale Wesen. Rückmeldungen anderer, Zugehörigkeit und die eigene Stellung innerhalb einer Gruppe spielen eine wichtige Rolle. Gleichzeitig entwickeln wir im Laufe des Lebens Vorstellungen darüber, worin wir gut sind und wie wir von anderen gesehen werden möchten.
Je stärker Kompetenz Teil der eigenen Identität wird, desto unangenehmer kann es sein, sich wieder in eine Situation zu begeben, in der diese Kompetenz fehlt.
Besonders schwierig wird es, wenn Fehler nicht nur als Information über eine Handlung verstanden werden, sondern als Information über den eigenen Wert.
Dann bedeutet ein schlechter Vortrag nicht mehr:
Dieser Vortrag war noch nicht gut.
Sondern innerlich vielleicht:
Ich bin nicht gut genug.
Genau an dieser Stelle berührt das Anfänger-Thema unseren Beitrag „Warum wir glauben, erst noch jemand werden zu müssen“. Denn hinter dem Wunsch, sofort gut zu sein, kann dieselbe alte Frage liegen: Was bedeutet es über mich, wenn ich gerade noch nicht genüge?
Wer viel kann, hat manchmal besonders viel zu verlieren
Es klingt zunächst paradox, aber gerade Menschen, die in ihrem Leben bereits viel Kompetenz aufgebaut haben, können sich mit dem Anfänger-Sein schwertun.
Eine erfolgreiche Unternehmerin meldet sich zum Tanzkurs an und steht plötzlich hinten in der Reihe.
Eine Frau, die beruflich große Teams führt, beginnt eine neue Sprache und sucht minutenlang nach einem einfachen Satz.
Eine erfahrene Sportlerin probiert eine neue Disziplin und ist auf einmal wieder diejenige, der etwas erklärt werden muss.
Das gewohnte Gefühl von Kompetenz verschwindet für einen Moment.
Und genau das kann unangenehm sein.
Es ist leichter, dort zu bleiben, wo bekannt ist, wer man ist und was man kann.
Vielleicht werden deshalb manche Träume jahrelang verschoben. Nicht unbedingt, weil sie zu groß sind, sondern weil zwischen heute und diesem Traum eine Phase liegt, die niemand besonders glamourös findet:
die Phase des Noch-nicht-Könnens.
Perfektionismus versucht, die Lernkurve abzuschaffen
Perfektionismus klingt manchmal nach besonders hohen Qualitätsansprüchen.
Dahinter kann jedoch auch etwas anderes liegen: der Versuch, Fehler, Kritik oder das Gefühl des Nichtgenügens möglichst zu vermeiden.
Das Problem ist nur, dass Lernen genau diese Unsicherheit braucht.
Wer etwas Neues beginnt, hat noch keine Routine. Bewegungen sind ungeschickt, Worte holpern, Entscheidungen dauern länger. Das Gehirn kann nicht auf dieselbe Erfahrung zurückgreifen wie nach hundert Wiederholungen.
Der Wunsch, von Anfang an perfekt zu sein, verlangt deshalb etwas Unmögliches:
Erfahrung ohne Erfahrung.
Bei meinem Podcast habe ich irgendwann verstanden, wie absurd mein eigener Anspruch war.
Ich wollte, dass Folge eins ungefähr so klingt wie eine Folge, die erst nach einem Jahr Übung entstehen konnte.
Aber ohne Folge eins gab es keine Folge zwei.
Und ohne all die unsicheren, lustigen, manchmal zu langen und unperfekten Versuche hätte es irgendwann auch keine 58 gegeben.
Der erste Schritt hat eine andere Aufgabe
Vielleicht bewerten wir erste Schritte häufig nach dem falschen Maßstab.
Die Aufgabe eines ersten Schrittes ist nicht, zu beweisen, wie gut etwas irgendwann werden kann.
Seine Aufgabe ist, einen zweiten Schritt möglich zu machen.
Mehr nicht.
Die erste Yogastunde muss nicht elegant aussehen.
Der erste Text muss nicht veröffentlicht werden.
Das erste Training muss keine Bestzeit bringen.
Das erste Gespräch in einer fremden Sprache darf langsam sein.
Und die erste Podcastfolge darf sich nach einer ersten Podcastfolge anhören.
Ich hatte damals ein Bild im Kopf, das mir geholfen hat: Vielleicht braucht etwas Tausende Versuche, bis daraus wirkliche Meisterschaft entsteht. Die bekannte Vorstellung von „10.000 Stunden“ oder „10.000 Versuchen“ sollte dabei nicht als mathematische Regel verstanden werden. Wie schnell Expertise entsteht, hängt stark von Tätigkeit, Übungsqualität, Vorerfahrung und vielen weiteren Faktoren ab.
Als Bild funktioniert der Gedanke für mich trotzdem:
Der zehntausendste Versuch kann niemals stattfinden, wenn der erste zu peinlich ist.
Der innere Antreiber hasst Anfänger
An dieser Stelle taucht ein alter Bekannter auf.
Der innere Antreiber.
„Streng dich an.“
„Mach es richtig.“
„Sei perfekt.“
„Blamier dich nicht.“
Was grundsätzlich helfen kann, gute Arbeit zu leisten, verwandelt eine neue Erfahrung schnell in eine Prüfung.
Darüber geht es ausführlicher in „Wenn ‚Streng dich an‘ nie wirklich leise wird“.
Das Spannende ist: Sobald aus einem Experiment eine Prüfung wird, verändert sich häufig auch das Erleben.
Es geht nicht mehr darum, herauszufinden, ob etwas Freude macht.
Es geht darum, gut darin zu sein.
Sport wird Leistung.
Malen braucht ein Ergebnis.
Ein Sprachkurs braucht ein Zertifikat.
Aus einem Hobby wird ein Projekt.
Und aus Neugier wird die nächste Möglichkeit, sich selbst zu bewerten.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum Erwachsene manchmal vergessen, wie Spielen funktioniert.
Anfänger dürfen Dinge tun, die Experten verlernen
Anfänger stellen Fragen, die angeblich selbstverständlich sind.
Sie probieren Wege, von denen Experten längst beschlossen haben, dass man sie „so nicht macht“.
Sie entdecken Details, die für andere längst Routine geworden sind.
Und vor allem erleben sie sehr viele erste Male.
Der erste Tauchgang.
Die erste Reise allein.
Das erste Lied auf einem Instrument.
Die erste Yogastunde.
Der erste Wettkampf.
Der erste Satz in einer neuen Sprache.
Neue Erfahrungen verlangen Aufmerksamkeit. Routine dagegen lässt sich leichter im Autopiloten bewältigen. Genau deshalb passt das Anfänger-Sein auch zu „Warum die Zeit immer schneller vergeht und was Präsenz damit zu tun hat“.
Wenn vieles im Leben bekannt geworden ist, verschwimmen Wochen leichter miteinander. Neues unterbricht diesen Autopiloten.
Plötzlich muss wieder hingeschaut werden.
Zugehört.
Gefühlt.
Vielleicht liegt im Anfänger-Sein deshalb nicht nur Lernen.
Vielleicht liegt darin auch Lebendigkeit.
Ich wurde besser, als ich aufhörte, die richtige Antwort geben zu wollen
Irgendwann passierte bei unseren Aufnahmen etwas Interessantes.
Ich hatte versucht, den Podcast professioneller und perfekter zu machen. Die Antworten sollten klarer werden, weniger abschweifen, stärker auf den Punkt kommen.
Und plötzlich merkte ich: Etwas ging verloren.
Wir hatten unseren eigenen Charakter ein Stück weit glattgebügelt. Ausgerechnet der Versuch, alles besser zu machen, entfernte uns von dem, was Menschen offenbar gerne hörten: ehrliche, ungefilterte Gespräche, bei denen vorher nicht immer feststand, wo sie enden würden.
Das heißt nicht, dass Qualität unwichtig ist.
Ich habe gelernt, Gedanken früher stehen zu lassen. Ich habe Feedback angenommen. Ich bereite mich heute anders vor als bei den ersten Folgen.
Übung verändert Qualität.
Aber Perfektion und Entwicklung sind nicht dasselbe.
Entwicklung braucht Fehler.
Perfektion möchte sie vermeiden.
Vergleiche machen Anfänger besonders klein
Heute lässt sich innerhalb weniger Sekunden beobachten, wie gut andere Menschen etwas können.
Das kann inspirieren.
Es kann aber auch dazu führen, dass der eigene erste Versuch mit dem tausendsten Versuch eines anderen Menschen verglichen wird.
Das ist ein ziemlich unfairer Wettbewerb.
Der fertige Roman wird gesehen, aber nicht die verworfenen Kapitel.
Der erfolgreiche Vortrag, aber nicht die Jahre der Unsicherheit.
Der trainierte Körper, aber nicht das erste Training.
Das florierende Unternehmen, aber nicht die Monate, in denen kaum jemand wusste, dass es existiert.
Genau hier berührt das Thema unseren Artikel „Du siehst 50 % von mir. Ich sehe 100 % von mir.“.
Bei anderen sehen wir häufig das Ergebnis.
Bei uns selbst erleben wir zusätzlich jeden Zweifel auf dem Weg dorthin.
Vielleicht brauchen wir wieder mehr Dinge, in denen wir schlecht sind
Dieser Gedanke gefällt mir inzwischen besonders.
Nicht alles im Leben muss irgendwann verwertbar sein.
Es darf etwas geben, das keinen Umsatz bringt.
Keine Auszeichnung.
Keine Bestzeit.
Keine beeindruckende Geschichte.
Vielleicht sogar etwas, in dem wir dauerhaft nur mittelmäßig bleiben.
Denn genau dort kann ein Raum entstehen, den Erwachsene erstaunlich selten betreten:
etwas nur deshalb zu tun, weil es Freude macht.
Damit kommt das Anfänger-Sein für mich zurück zu einem der wichtigsten Themen von JaBali.
Lebensfreude.
Vielleicht finden wir sie nicht nur dadurch wieder, dass wir uns immer besser verstehen.
Vielleicht finden wir einen Teil davon auch dort, wo wir wieder ausprobieren, spielen, scheitern und lachen können, ohne aus jeder Erfahrung eine Aussage über unseren Wert zu machen.
58 Folgen später
Wenn ich heute zurückblicke, bin ich nicht stolz darauf, dass unsere erste Folge perfekt war.
Das war sie nicht.
Ich bin stolz darauf, dass es sie gab.
Mittlerweile sind 58 Folgen entstanden. Wir sprechen freier. Ich weiß besser, wann ein Gedanke genug erklärt ist. Und gleichzeitig musste ich lernen, dass Menschen vielleicht gerade nicht die perfekte Antwort hören wollen, sondern einen echten Menschen. Diese Entwicklung entstand nicht vor der ersten Aufnahme. Sie entstand durch die Aufnahmen.
Das ist vielleicht die wichtigste Erkenntnis dieses Jahres:
Wir werden nicht erst gut genug und fangen dann an. Wir fangen an und bekommen dadurch überhaupt die Möglichkeit, besser zu werden.
Fazit: Der Anfang darf nach Anfang aussehen
Es wird immer Dinge geben, die andere besser können.
Und es wird immer einen ersten Versuch geben, der weit entfernt von dem ist, was später möglich wäre.
Vielleicht ist das kein Problem.
Vielleicht ist genau das Leben.
Anfänger zu sein bedeutet, noch nicht zu wissen, wie etwas ausgeht. Es bedeutet, Fehler machen zu dürfen, Fragen zu stellen und sich wieder überraschen zu lassen.
Darin steckt Unsicherheit.
Aber eben auch etwas, das im perfekt durchorganisierten Erwachsenenleben manchmal verloren geht:
Neugier.
Kinder müssen nicht daran erinnert werden, Anfänger zu sein. Für sie ist fast jeder Tag voller Dinge, die sie noch nie gemacht haben.
Vielleicht besteht ein Teil von Lebensfreude darin, sich genau diese Erfahrung zurückzuholen.
Nicht wieder Kind zu werden.
Sondern erwachsen genug zu sein, um nicht überall Expertin sein zu müssen.
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